Finnland Teil 2

Südlich von Nurmes liegt ein anderes Finnland. Dies wir schon in unserer Karte des Dumont Reiseführers angedeutet, indem 2 Maßstäbe für die beiden Teile angelegt wurden. Einmal sind 1 cm 18 km und im Süden dann 8 cm und andere Maßstäbe benötigt auch das Verständnis dieses Landesteils. Es fängt für uns schon mit dem Wetter an.

Seit Lieksa werden wir recht kühl und mit immer wieder durchziehenden Schauern empfangen. Die Topografie hält die Wolkentürme nicht ab, die höheren Erhebungen reichen bis 300 m Seehöhe was zumindest den Vorteil hat, dass Gewitter schnell weiterziehen, aber nichtsdestotrotz ist Regen am Rad kein Segen. 

Daher belohnen wir uns nun schon zum wiederholten Male mit einem Zimmer. Das erhöht zwar die Kosten beträchtlich, hat aber den interessanten Aspekt, dass wir die Bau- und Lebensweise der Finnen kennenlernen. In Savonlinna haben wir dadurch in einem Zimmer eines einstigen Krankenhauses aus dem Jahr 1895, der Villa Aria heute, genächtigt. Man wünscht sich heutzutage derart schöne (Kranken-) Häuser aus Holz gebaut, mit hohen hellen Räumen mit großen Kastenfenstern. Die Gänge beruhigen mit der generösen Gestaltung, den hellen Farben und ebenfalls mit großen Fenstern in den grünen Innenhof.

Die Campingätze dagegen haben dagegen im südlichen Finnland nicht gewonnen, mit der Ausnahme, dass die Englischkenntnisse der Angestellten auf einmal vorhanden sind. Dazu müssten grundsätzlich einmal die verzeichneten Campingplätze vorhanden sein, was sie aber auch nicht immer sind. Diese nachlässige und für Radfahrer geradezu gastfeindliche Art hat möglicherweise damit zu tun, dass ausländische wie auch finnische Gäste wenn, dann ihren Urlaub gleich im Norden in Lappland verbringen und dadurch die mittelfinnischen Anlagen nicht mehr wirtschftlich zu betreiben sind. Heute hat zudem ein glücklicher Finne seine Hütte am See, mit Sauna und Boot, Geländewagen, Motorrad, Motorschlitten und Campingmobil, für alle Fälle. Einmal ist keinmal haben wir uns gedacht, aber nachdem uns die gleiche Freude nocheinmal 15 km weiterradeln zu müssen auch in Lahti beschert wurde, ohne eine erkennbare Information auf der finnischen homepage des geschlossenen Campingplatzes, nehmen wir diese Eigenart Finnlands zur Kenntnis.

Ein anderer Campingplatz, den wir nach einer Tagesetappe sehnsüchtig angesteuert haben, hat sich als Arbeitslager für thailändische Beerenpflücker entpuppt und uns zusätzliche 20 km beschert. Knapp über € 1 bekommen sie für 1 kg Beeren, und den Flug nach Finnland müssen sie zuerst erpflücken, damit ihnen etwas übrig bleibt. So mancher landet dadurch bei Arbeitsunfähigkeit in eine Schuldenfalle.

Und das bezeichnet Europa auch, dass billige Arbeitskräfte dann willkommen sind, wenn sie gebraucht werden, keine Sozialleistungen empfangen und nach getaner Arbeit wieder nach Hause ziehen. Dieser Umgang prägt den europäischen Kulturraum, gestern, heute und vermutlich auch morgen, allerdings ein wenig sympatischer. 

Jedenfalls waren wir in Taavetti gezwungen einen Notstopp einzulegen und der Kioskbetreiber und seine Kundin haben wiederum gezeigt, wie gastfreundlich die Finnen persönlich sind. Auch unser Gastgeber im B&B hat uns über Finnland mehr erfahren lassen.

Er hat uns die Zentralisierung des Bildungswesens und die Vernachlässigung des ländlichen Raums bestätigt. Die zweigleisige, elektrifizierte Bahnstrecke nach Osten wird derzufolge von keinem einzigen Regionalzug mehr bedient, sodass Schulkinder bis zu 1,5 Stunden am Tag in Bussen geführt werden.

Ein Schild für sein B&B aufzustellen würde ihn €1500 im Jahr kosten, beklagte auch er die Gesetzeslage in Finnland, die uns auch durch die grotesken Regelung für den Alkoholverkauf aufgefallen ist. Nach 21 Uhr kann der Bierverkauf demnach nur mehr über die Bar erfolgen, die zu dieser Zeit nur mehr von den suspekten Alkoholikern besucht war. Wir haben Tee als Beruhigungsmittel verwendet. Dafür wird ein bemerkenswerter Umgang mit der Spielsucht versucht. In jedem Supermarkt stehen mindestens 2 der Maschienen und die Spieler werden so öffentlich bekannt gemacht. Der Erfolg ist auch gut sichtbar.

Aber weiter zu anderen Aspekten. War es im nördlichen Teil noch fahrlässig auch nur ein einziges Lebensmittelgeschäft auszulassen, so reihen sich hier ganz wie zuhause der s-markt, der k-markt und der lidl aneinander. Die Warenauswahl hat sich noch nicht wesentlich erweitert, aber in den Kavhilas – Cafehäusern sind vereinzelt schon Espressomaschienen zu sehen und die erste Craftbierbrauerei haben wir auch bereits passiert. Ich deute dies als zarte Annäherung an eine genussvollere Einstellung zu den Grundnahrungsmittel Kaffee und Bier und hoffe auch darüber hinaus. 

Ich muss hier auch eine bislang von mir gerne verbreitete Behauptung relativieren. Die Blutwurst mag als die verbindende Speise Europas als Randnotitz am Speiseplan noch gültig sein. Ich konstatiere hier aber eine andere eher traurigere kulinarische Gemeinsamkeit ganz Europas und kann mir diese nur mit der gefälligen Form und Farbe erklären. Die Tomate darf auch in Finnland, nord und süd, niemals fehlen, wobei dieselben aber nur bildlich und nicht olfaktorisch zu erkennen sind. Es sind Abziehbilder von Paradeiser aus Holland oder Spanien, wässern und ohne jeden Geschmack oder auch nur einer gefälligen Konsistenz. Schlatzig wässrig aus den Folientunneln und auf Nähsubstrat gezogen, welches eben nur für Form und Farbe reicht, ist scheinbar die Tomate das populärste Gemüse Europas – Gratulation, und dies wird in Finnland deshalb offensichtlich, weil das Land ganz offensichtlich keine optimalen Voraussetzung für die Paradeisa aufweist. Das Insistieren auf die Tomate könnte damit einerseits als Sehnsucht nach dem Süden und andererseits als Symbol des grenzenlosen europäischen Wirtschaftsraums gelten. Wir greifen in diesem Fall doch lieber zu den finnischen Gurken, wahlweise eingelegt in sauer- salziger oder süßer Marinade und köstlich in allen Formen.

Der historisch dichtere Kulturraum zeigt sich im südlichen Teil Finnlands auch mit den mittelalterlichen Festungen. Waren die Wälder, Fisch- und Jagdgründe der nördlichen Regionen Finnlands wichtig für den Süden, so haben sich permanente Befestigungen erst südlich davon etabliert. Wir haben die Festung Olavslinna in Savonlinna besucht, die als Museum und Veranstaltungszentrum genutzt wird und stilvoll renoviert wurde. Um diesen Verkehrsknotenpunkt im Seenland haben sich die Grafschaften und Herzogtümer, Zaren und Königreiche jahrhundertelang bekriegt. Einmal in russischer Hand, dann wieder in schwedischer und schließlich in finnischer. Nicht zu weit vom finnischen Meerbusen entfernt reicht später bis in den südlichen Teil Finnlands auch die hansischen Wirtschaftsräume und ist damit in den europäischen Warenaustausch von jeher eingebunden. Auch darin liegt die Ähnlichkeit Südfinnlands mit Zentraleuropa begründet.

Die Kühle und das wechselhafte Wetter in Nordkarelien, sowie eine gewisse Müdigkeit mit finnischen Eigenheiten hat uns dann dazu veranlasst, dass Bahnwesen zu testen. Nach über 1000 km am Rad haben wir von Kouvola bis Lahti und weiter bis Helsinki dann den Zug benutzt und siehe da, schwuppdiwupp zogen die Vorstädte vorbei und waren wir in der finnischen Hauptstatt.

Helsinki muss genau genommen als 3. Teil Finnlands bezeichnet werden. Wir sind im multikulturellen und äußerst lebhaften Bildungsfinnland angekommen, wo die Schulen und Universitäten die Schüler und Studenten des ganzen Landes anziehen. Hier sind die Finnen aus dem Häuschen und in jeder Nebenstraße wuseln Leute aus der ganzen Welt. Aus den kleinen Restaurants riecht Orient wie Okzident verführerisch. Die Radwege werden bei Bauarbeiten konsistent umgeleitet und alle Verkehrsteilnehmer repektieren die jeweils anderen. Freilich hat dies alles seinen Preis, insbesondere wenn gerade das flow festival stattfindet und fast alle Quartiere belegt sind. Aber wahre Freude ist ja unbezahlbar.

Der Abschied von Finnland ist damit in die Nähe gerückt und so schreibe ich diese Zeilen schon auf der Fähre nach Tallin. Finnland adee, Estland olee rufen wir der Küste zu und freuen uns auf alle baltischen Staaten. Von den Radetappen gibt es dann wieder audio blogs.

Advertisements

Über klausjerlich

cyclist, recyclist, traveler, listener, talker...
Dieser Beitrag wurde unter Rad Nomad(en) - quer durch EU, Vom Polarkreis zum Mittelmeer abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s