Finnland Teil 1

811,15 km sind wir von Rovaniemi bis nach Lieksa geradelt und befinden uns damit in der Mitte von Finnland, in Nordkarelien. Am Anfang war alles so wie erwartet, Wald und See und Rentier und Straße, kilometerweit gerade, gut einzusehende Landstraße, mit wenig Höhenunterschied.

Die Finnen waren sofort unerwartet – neugierig und offen, dafür mit schlechten Englischkenntnissen. Wir sind außerordentlich freundlich empfangen worden und haben uns gewundert über die Offenheit und Freigiebigkeit, die in den Büchern so nicht beschrieben wird. Weil unsere Wahrnehmungen der Reise uns stutzig machten, haben wir uns beim radeln auch mehrmals über das finnische Bildungssystem unterhalten. Im Norden waren die Schulen geschlossen und Zeichen von hoher Allgemeinbildung spärlich gesät.

Trotz offener und hilfsbereiter Finnen braucht es einige Übung in der finnschen Lebensart. Die Eigenart, keine Beschilderung in einer eher menschenleeren Gegend zuzulassen, lässt einen neben der ausschließlich finnischen Benennung schon manchmal rätseln. Die klangvollen finnischen Wörter mit bis zu 20 Silben, beispielsweise Tuvalkaaneimikatjärvi oder Saartuvatoskissalmi, betont auf der 2ten, 3ten, 5ten, 8ten und 9ten Silbe gehen eher nicht leicht in den aktiven Wortschatz über. Andererseits hat ein Finne mit gutem Namensgedächtnis gute Chancen beim Skrabble. Kittos – danke, ist bislang unser einziges finnische Wort und … halt, der Joki ist der Fluss. Die rare Beschilderung hat angeblich einen profanen Grund – Schildersteuer, aber in Hinteroberlahti?

Die finnische Zurückhaltung bezieht sich für einen emotional normalaktiven Mitteleuropäer vielleicht eher auf einen sehr pragmatischen Zugang zu den Nahrungsschätzen der Region. Es ist ja offensichtlich ein Land, das mit Rentieren, Wildfisch, Beeren und Pilzen gesegnet ist. Wir haben aber bislang eine feinere Klinge in der Küche vermisst und sind daher schon mit den selten dargebotenen Keramiktellern im nördlichsten türkischen Kebab und Pizza Geschäft überwältigt und froh gewesen, weil zumeist gibts eben Plastikbesteck und Pappteller. Überhaupt erinnert uns der Norden Finnland an Nordamerika insbesondere Kanada, einschließlich der Raumplanung und der Fastfoodkultur.

Also hab ich mir kurzerhand selbst einen Barsch und einen Hecht gefangen, wozu es wenig Geduld oder Geschick (wobei ich mich 40 Jahre später noch an die Angeleinschulung meines Großvaters erinnern konnte, vielen Dank Opa), aber einer Lizenz, Angelrute mit Blinkerhaken und den genau richtigen Zeitpunkt zum Angeln bedarf. Diesen optimalen Zeitpunkt habe ich einmal erwischt und wir haben dann die Fische in aller Frische in einer Lappi Hütte über Pinus Silvestris Scheiten geräuchert. Die Lappi-Hütte hat eine Feuerstelle und darüber einen Rauchabzug.

In Suomussalmi hat uns dann ein Barbesitzer einiges über die finnische Erfolgsgeschichte erzählt. Die Arbeitsplätze findet man im Süden Finnlands, wohin sich auch die Bildungsinstitutionen konzentriert haben. Im Norden leben Alte und jene, die durch den Bildungsrost fallen, sowie ein paar Arbeiter in der Forstindustrie und jene paar Dienstleister, die diese Gruppen brauchen, etwa Tankstellenbesitzer und Angelbedarfshändler, Barkeeper und Lebensmittelhändler. Diese Funktionen sind dann zumeist auch in einer Person vereint. Im Sommer strömen dann die ehemaligen Nordfinnen in ihre Elternhäuser und Cottages zurück und lassen vielleicht noch die Band von seinerzeit wiederaufleben. Hard n Heavy, ganz nach finnischem Klischee, sagt unser Gesprächspartner, aber auch andere Stilrichtungen. Diese Bands treten dann in seiner Bar auf. Derzeit kann er noch davon leben, aber wer weiß wie lange noch. Uns hat eine Bar im Mürztal erinnert.

Wie uns vieles in Finnland an unsere Heimat erinnert. Im Grunde scheinen die Naturräume des Nordens in den Höhenstufen des Alpenraums vereint, nur flachgedrückt und weniger felsdurchsetzt. Finnland bietet dabei Alles flächendeckend, ausufernd und manchmal auch beängstigend weitreichend. Dadurch ändert sich vermutlich die Einstellung zu den Dingen und sicher auch die Wertschätzung. Die Natur im Norden scheint jedenfalls noch stärker als der Einzelne, hat er auch noch so große Maschinen zur Verfügung.

Irgendwann haben wir dann jene Grenze überschritten, an der sich ein Gleichgewicht zwischen der Natur und der Gestaltungskraft des heutigen Menschen einstellt, zumindest in klimatisch normalen und nicht außergewöhnlichen Jahren. Die Kulturlandschaft auf beiden Seiten unseres Weges hat von da an überwogen. Die Pflanzenwelt wurde reichhaltiger und auch die Fauna wurde artenreicher. Die Rentiere und Stechmücken wurden dafür seltener. Erstere gehen uns richtig ab in ihrer gutmütigen und drolligen Art. Elche haben uns generell gemieden, leider. Dafür haben wir uns Bären anfüttern lassen, was hier eine gängige Art ist, den König der Wälder zu präsentieren und offensichtlich auch keine größeren Probleme verursacht.

In einem Holzverschlag versteckt und auf wollbesockten Sohlen flüsterten wir uns, gebannt auf die ca. 1 ha große Lichtung starrend, dem nahenden Ereignis entgegen. Juri war mit der Befüllung der versenkten Boxen mit Fisch noch nicht fertig, als schon der Chef den rechten Hang herauftrottete. Man soll ja Bären gegenüber keine Angst zeigen, was uns Juri nun vorführte und mit Drohgebärden das ca. 3 m große Tier in Schach hielt. Angst haben darf man hingegen schon, im Holzverschlag. Juri hat dann später angerufen, in der Hoffnung, dass jemand seine heutige Boxenbefüllung fotografiert hat, es hatte. In den Stunden zwischen 18 und 23 Uhr, also bei Tageshelle, sind dann nach und nach und immer wieder kleinere (1m groß) bis große, Bären und auch Bärinnen aufgetreten und haben sich bis zu den nähesten beiden Boxen mit Trockenfutter vorgefressen. Diese waren dann grreifbar in 2-3 m entfernt. Showdown kurz vor unserem Abmarsch zurück zum Auto, 1 km sehr spannend, war dannn eine Seniorenrunde männlicher Bären, die alle zeitgleich noch einen Snack witterten. Der akzeptable Abstand zwischen diesen potentiellen Chefs war etwa der zwischen den Boxen also ca. 10 m. Als dann eine Box  ganz nah am Verschlag gemeinsames Ziel zweier Bären war, hatt sich der derzeitige Regent dann offenbart und daher wissen wir auch wie groß dieser wirklich war. Ansatzlos ist er auf den nur wenig kleineren Kollegen, dieser am Trockenfutter knabbernd, losgegangen, sodaß die Stille im Verschlag sofort wieder eingekehrt ist. Aufgeregt wie Mann nach einer Bekundung seiner Stärke dann nun einmal ist, war dem King of the Swingers auch das Zeichen unseres Abmarsches egal. Also haben wir ein bischen gewartet bis die Aufregung vorbei war und sind mit klatschen und tratschen selbstbewusst aber eng nebeneinander gehend zum Auto gegangen. War dann gar kein großes Problem.

Diese oben erwähnte Grenze zwichen Naturraum und Kulturraum scheint mir gleichzeitig die nördliche Grenze von Karelien zu umfassen, jener Teil Finnlands der möglicherweise auch heute noch nicht aus dem russischen Augenwinkel verschwunden ist. In den 100 Jahren Finnland, welches 2017 gefeiert wird, war dieses Karelien zeitweise von Russland besetzt, nämlich im 2. Weltkrieg. Da auch Deutsche ihre Wunden hinterlassen haben zeigt sich Finnland auch bei unserer Durchmessung bisher als wehrhafte Nation. Die Zeichen der Wehrhaftigkeit konnten wir auf unserem Weg nach Süden zumindest für den Luftraum immer wieder einmal wahrnehmen.

Und so durchkreuzen wir mittlerweile die finnische Seenplatte, heute als Passagiere der Fähre von Lieksa nach Koli. Halbzeit in Finnland haben wir, glaube ich, schon überschritten und noch nicht genug davon. Der Sommer ist außerdem hier Nebensaison, nichts los gegen den finnischen Winter. Dann sind alle Quartiere einschließlich Campingplätze voll und die finnischen Augen leuchten beim Gedanken daran fast so hell wie für uns die Mitternachtssonne.

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Über klausjerlich

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