Durstig in Dushanbe

In die Hauptstadt von Tadjikistan kommt, wer entlang der Seidenstraße reist oder die kargen Berg- und Flusslandschaften des Pamirs liebt oder in Zentralasien dem Handel oder andere Projekten nachgeht. Letzteres durfte ich im Rahmen eines Wasserprojekts in der Hauptstadt Dushanbe insgesamt ca. 6 Wochen lang machen.

Mit dem Flugzeug führte meine Anreise und Rückreise über Russland, was aufgrund von Verzögerungen bei der Rückreise und eines tagesbezogenen Transitvisas für Erschwernisse sorgte, aber davon ein andermal.

Die Landebahn in Dushanbe liegt praktisch in direkter Verlängerung eines der großzügigen Boulevards, die die nicht besonders große Hauptstadt durchmessen. Man könnte mit dem Fahrrad ins Stadtzentrum fahren und würde keine 15 Minuten dafür brauchen. Zur Zeit meiner Besuche 2006 war der Flughafen überschaubar klein und der Betrieb damals durch eine sympathische Nachlässigkeit geprägt. Es herrschte noch keine Terrorangst, die Taliban formierten sich nach dem amerikanischen Einschreiten 2001 neu, taten dies aber nicht in Tadjikistan.  Zumindest war kein autoritäres Regiment über den Flughafen bemerkbar.  Mit den Gepäckförderbändern kamen neben den eingecheckten Koffern kamen auch gleichzeitig bereits die Kofferträger. Vermutlich gingen durch die mit schweren Gummimatten abgedeckten Ein- und Ausgänge der Förderbänder mehr Personen aus und ein als durch die Sicherheitsschleuse mit Pass- und Visumskontrolle.

Das Mitführen verdächtiger elektronischen Geräte, in meinem Fall ein induktiver Durchflussmesser für Trinkwasserrohre, wurde von den Zollbeamten kritisch beäugt und ohne die vorausschauende Bestätigung der Tajikischen Botschaft in Österreich, wäre wohl auch die Einreise erheblich erschwert gewesen. So aber war nach kurzer Inspektion alles in Ordnung und ich wurde vom Leiter unseres Büros in Dushanbe Hr. Rajabali mit freundlichen Lächeln und wenigen Worten in English empfangen. Eine junge Englisch – Dolmetscherin stand ihm zur Seite und überragte ihn um Kopfhöhe.

Mein Verbindungsingenieur in Dushanbe war seinem Aussehen nach nicht russischer Herkunft, hätte auf einem Pferd in traditioneller Tracht der Völker der innerasiatischen Hochebenen eine ausgezeichnete Figur gemacht und trug einen traditionellen Bart. Mein erfreuter erster Eindruck hat mich nicht getäuscht und es hat sich während der beiden Besuche in Dushanbe eine Freundschaft entwickelt.  Am Ende haben wir sogar im lokalen Fußballteam miteinander gespielt und er hat mir die wenigen kulturellen Eindrücke meines Aufenthalts ermöglicht.

Auch der erste Eindruck in der Stadt mit ihren großzügigen Alleen, die durch jeweils 2 Baumzeilen an beiden Seiten unterteilt wurden, war ein freundlicher wiewohl etwas verstaubter. Die Häuser sind größtenteils grau oder graubraun mit wenig Verzierungen oder Farben. In den trockenen Monaten fegen Sandstürme durch die Stadt und der feine Sand und Staub aus den kargen Tallandschaften der Umgebung bildet auch in den restlichen Zeiten die Patina der Stadt. Die Farben sind den Menschen vorbehalten, die sie mit ihren traditionellen bunten Kleidern tragen. Gebäude dienen rein dem Zweck und selbst Prunkbauten dürfen allenfalls  bei einem staatstragenden Anlass auf farblichen Schmuck hoffen.

Es ist verständlich, dass in der kargen Hochlandschaft Wasser als luxuriöses Gut betrachtet wird. Springbrunnen zeugen an den Kreuzungen und im reicheren Villenviertel von Reichtum und dienen dem Stolz, sich das Wasser Untertan gemacht zu haben. In den Städten wird mit offen zutage liegenden Rohrleitungen und Pumpen geprotzt. Die ländlichen Regionen sind durch offene Bewässerungskanäle, Aufteilungsbauwerke, Schleusen und Windhebewerke versehen, welche allesamt dazu dienen, das Wasser für die Bewässerung zu verteilen. Auf den grobkörnigen Böden, die trotz aller Bemühungen wenige Humusauflage hervorbringen, ist die essentiell und die wichtigste landwirtschaftliche Kulturtechnik.

Der Weg in die Stadt führt ausgehend von den unbefestigten Landstraßen zu den großzügigen mehrspurigen Boulevards. In der Stadt wohnen die Beamten der Verwaltung und die sich erst entfaltende Dienstleistungsgesellschaft.
Tadjikistan lebt von großen Aluminiumvorkommen  und von der Wasserkraft. Der Nurek Staudamm ist der Stolz der Tadjiken und liefert 20% des gesamten Exports in Form von Strom. Industrie und Gewerbe sind schwach ausgebildet, die Rohstoffvorräte an seltenen Erden und auch Uran bieten nur wenigen Menschen Arbeit in den Minen, ungleich mehr profitieren vermutlich die Eigentümer der Lagerstätten. Der Wohlstand beschränkt sich auf jene Schicht mit guten Verbindungen zu den Machthabern. Die Massen am Land und auch in der Hauptstadt sind arm.

Die wenigen Menschen auf den Straßen der Hauptstadt tummeln sich zielstrebig entlang der Gehsteige. Keine Einkaufszentren oder Fußgängerzonen weit und breit. Ab und zu bietet ein Bäcker, Friseur oder Tabakladen Dienstleistungen und Waren an, aber ansonst lockt keine international bekannte Marke die zahlungsschwachen Einwohner der Hauptstadt.

Die Bewohner begeben sich lieber in die traditionelleren Märkte, die noch nicht durch die stadtplanerischen Aktivitäten verdrängt wurden. Kleine Geschäfte ducken sich Tür an Tür und jeder Zentimeter wird durch die ausgestellten Waren abgedeckt. Billiger Ramsch größtenteils, der aus dem Nachbarland China in großer Menge am Landweg nach Tadjikistan kommt. Decken, Kosmetikartikeln, Gewand, Fußballtrikots, Radiogeräte, Mobilelephone, Uhren, Kurzwaren und Schuhe – mitunter auch noch ein Handwerker – Schuster mit Hammerstuhl und kleiner Werkstätte, wechseln sich ab in den aufgrund ihrer Enge leicht blockierten Wegen durch den Markt.

Getrennt davon findet man die Lebensmittelhändler, Bäcker und Fleischer in den eigenen Vierteln. Besonders gute Qualität der Waren wird mit den getrockneten Früchten, Marillen vorallem, aber auch Zwetschken und Datteln, erreicht. Trocknen ist in dieser Gegend ganz offensichtlich das beste Mittel zur Konservierung und so findet man auch eine Auswahl von getrocknetem Fleisch und Fisch.

Zur Unterstützung der Trocknung wird auch häufig Salz oder Zucker verwendet. Beides führt nach dem Verzehr zu mehr oder weniger großem Durst und so sind folgerichtig an den Ecken der Märkte, neben den Kebabbuden bzw. den diversen Imbissständen für die hungrigen Besucher auch ehrliche Trinkhallen angeordnet.
Und wie gut die tadjikischen Biere waren, kann sich ein mittelmäßiger europäischer Biertrinker gar nicht vorstellen. Keine internationalen Brauereikonzerne interessierten sich damals für den tadjikischen Markt und daher findet man vermutlich auch heute noch eine Vielzahl von verschiedenen regionalen Sorten.

Kleine Nationale Brauereien haben den Markt in Händen und brauen goldgelbe bis caramelbraune trübe Zwickelbiere. Der Hopfen steht nicht im Vordergrund dieser Brausorten, sondern der Geschmack des Malzes. Später habe ich mich gefragt, ob überhaupt Hopfen für die Würze verwendet wurde oder vielleicht der nicht minder würzige Hanf im Spiel war und  kein unbekanntes Gewächs in Zentralasien ist.

Jedenfalls war die trockene Kehle so über das goldgelbe Getränk erfreut, sodass in kurzer Zeit mehrere Gläser geleert wurden und wie überall in der Welt haben die Kohlensäureperlen die verkrusteten Verhältnisse gelockert und ein soziales Verständnis sowie eine universelle Sprache kam zur Anwendung, dass es eine helle Freude war. Die Einsamkeit verging für ein paar Stunden und man erfuhr mit Händen und Füßen etwas über die lokalen Verhältnisse. Merken kann man sich die im Detail zwar nicht, aber es bleibt ein kleiner Rest jener Freude, mit der man gemeinsam sein Glas geleert hat und welche man bei nächster Gelegenheit zu ergänzen gedenkt.

Und so kann ich zurückblickend berichten, dass Durst in der Hauptstadt von Tadjikistan, Dushanbe zu einer überraschend positiven Wendung eines ansonsten eher trist anmutenden Nachmittags geführt hat, die eine bis weit in den Abend führende Annäherung von verschiedenen Kulturen ermöglichte und mit dieser Wirkung immer wieder neu angestrebt werden müsste.

 

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Über klausjerlich

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