Travellers Rest, Kisoro

Wie es einst gewesen ist, kann ich leider nur aus zweiter Hand berichten. Das Hauptgebäude soll ein großer Gral mit einem steilen rußgeschwärzten Strohdach gewesen sein. Die Frauen haben sich bei Regenwetter schwatzend und lachend rund ums Feuer versammelt, während vom undichten Dach hin- und wieder dicke Tropfen auf den Lehmboden gefallen sind. Die Geschichten des Tages, von der Feldarbeit, vielleicht von den wenigen Weißen in der Gegend und von vergangener Zeit sind erzählt worden. Der Geruch von Kochbananen und kräftigem Rindereintopf hätte sich mit dem Rauch des Feuers vermischt . Ich wäre gerne zu dieser Zeit Gast gewesen, im Travellers Rest in Kisoro.

Meine Erinnerungen stammen aus den Jahren 2000 bis 2006, als die asphaltierte Straße von der Hauptstadt in Kampala bis nach Kabale, einst Distrikts- Hauptstadt im Hochland von Kigezi, reichte. Damals habe ich zunächst als Zivildiener und später als Wasserwirtschaftsingenieur in der Gegend gearbeitet. Meine Ansichten sind die eines Besuchers, der Landschaft und Leute in sein Herz geschlossen hat. Aber Vorsicht ist geboten, denn allen Liebenden ist gemeinsam, dass ihr Blick für das Objekt ein Verschwommener sein kann und so sollen meine Schilderungen nur dazu dienen einen Eindruck zu erwecken.

Das Hochland von Kigezi liegt auf über 2000 m Meereshöhe woraus sich die Vulkankette der Virungas emporhebt und sich tief in den Kongo (DRC) hinein zieht. Mgahinga, Muhavira, Sabinho, Karisimbi, … Sie verbinden die Grenzregion von Rwanda, Uganda und dem Kongo, indem sie die Landschaft überragen und die Gewitter um ihre Gipfel noch sichbar sind, wo schon längst keine Regentropfen mehr fallen.
Die Vulkankette liegt am westlichen Ast des ostafrikanischen Grabenbruchsystems, dass sich um den Viktoriasee spannt. Der Verlauf dieses geologischen Bruches lässt sich an der Kette großen Seen um den Viktoriasee nachvollziehen.

Vom Ufer des Viktoriasees, im Herzen des großen alten Kontinents, steigt das Land zunächst unmerklich aus den feuchten Papyrussümpfen hinauf zu den großen Grasebenen der Hochebene von Ankole. Mit dem Auto quert man in wenigen Stunden Regionen die schon aufgrund der logischen Grundnahrungsmittel – hier Fisch, dort Vieh – verschiedene Gesellschaften hervorbringen mussten, bevor  man nach Mbarara kommt. Aus dieser Region und einem Stamm der Viehhüter (Hima) stammt auch der Gründer des modernen Ugandas Yoweri Museveni. Die ausgedehnte Graslandschaft wird von versprengten Ankole Rinderherden geprägt. Die Landschaft fliegt vorbei und die asphaltierte Straße strebt unaufhaltsam einer ersten Passhöhe zu, auf der sich unerwartet und plötzlich für den Besucher ein wahrlich majestätischer Vulkankegel den Horizont dominiert, als wache dieser über die nun vor einem liegende Landschaft.

Die Hänge der Vulkane sind dunkel und ganz anders als die umliegende Hügellandschaft. Bis hierher zum Sattel, der den atemberaubenden Ausblick gewährt, und noch weiter bis zum Fuß der noch ca. 50km Luftlinie entfernten Vulkane haben die Einwohner den Boden mit harter Arbeit und einfachen Werkzeugen dem einst übermächtigen Wald entrissen, um Ackerbau zu treiben. Wiederum wandelt sich hier die Gesellschaft von den Viehhütern zum Ackerbauern. Zurückgedrängt wurden damit auch die nur mehr kleine Gruppe der Waldjäger, das Volk der Batwa oder Pygmäen.

Erst die Kraft der stetig wachsenden Bevölkerung und der Einsatz moderner Maschinen und Techniken, haben den Wald zurückgedrängt. Nur die steilsten Hänge sind vor dem Zugriff geschützt. Unbebautes Land verwächst in kurzer Zeit und so sehen die Grenzen der hier schon 1925 enstandenen Nationalparks so aus als wären sie mit dem Rasiermesser geschnitten. Wald wird von den snsässigen Ackerbauern in dieser Gegend noch oft feindlich angesehen, weil er die Grundlagen des Lebens raubt. Bananen, Hirse, Sorgum, Erdäpfel, Kaffee, Cassawa und Tee sind hier die Grundnahrungsmittel und Grundlage des Wirtschaftens. Der Wald auf den Vulkanflanken scheint so wie eine Front gegenüber der von Osten herandrängenden Bevölkerung. Vom Fuß der Berge bis tief in den Kongo ist der Wald noch immer dominierend und bietet das letzte Refugium für die Gorillas.

Aber zunächst geht es noch einmal vom Pass in die Tiefe in die Hauptstadt Kabale, Heimat der Tschiga. Hier zweigt eine Hauptverkehrsstrecke nach Kigali, Rwanda und endete die asphaltierte Straße nach Osten. Es ist eine Stadt mit langer Tradition, regem Handel und großer Lebensfreude. Über der Stadt auf einer kleinen Anhöhe ruht das alte koloniale White Horse Inn Hotel mit englischem Rasen und einer fantastischen Gartenanlage. Kabale ist als Handels- und Durchzugsstadt mit zahlreichen einfachen Restaurants, geschickten indischen Händlern, Bäckerei, und allem Möglichen ausgestattet. Man kann hier in die Sauna gehen oder der lokalen Radiostation lauschen. Aber wird versorgen uns in Kabale vielleicht nur mit dem ausgezeichneten lokalen Käse bevor wir die letzte Etappe bis nach Kisoro in Angriff nehmen.

Von Kabale gibt es zwei Varianten nach Kisoro zu fahren. Die schönere führt entlang dem Lake Bunyoni, der hinter dem nächsten Hügelkamm im Westen liegt. Der See ist tief und füllt die unzähligen Gräben wie ein weitverzweigter Ast eines Baumes und schließt mit jeweils einer freundlich rundlichen Bucht am Ende des Seitenasts. Hier ist auch die Sorge vor der Billharziose unbegründet, weil der See zu hoch (~2000 m) liegt für die Schnecken, die die Erreger übertragen. Die Straße ist unbefestigt und kann sich nach Regenfällen in eine aufgeweichte Masse verwandeln, die den Rädern ausweicht ohne einen Zentimeter vorwärts zu kommen. Auskunft über den Zustand der Straße ist also vor Abfahrt ratsam. Die Tankstellen in Kabale eignen sich als Informationsquelle.
Der Ausfluss des Sees liegt an jenem Punkt, wo wir die Straße dessen Ufer verlässt. Hier kann man sich noch mit Flusskrebsen eindecken, wenn man möchte.

Die Fahrt führt immer kühner an den Hängen entlang. Die Vulkankette, die von weitem noch als Kette erkennbar war, wird von den übermächtigen ersten drei Gipfeln verstellt. Nach der letzen Abfahrt ragen nur mehr kleine Hügeln mit wenigen 100m Höhenunterschied aus der Landschaft. Die seit Kabale eher spärlichen Siedlungen kehren wieder zurück. Dann quert man plötzlich ein asphaltierte Rollbahn. Ein Flugplatz ohne Terminal, ohne Flughafenlichte, ohne Geschäfte. Ein Zweckflughafen, einst eingerichtet von der UNO, um die Flüchtlinge nach dem Genozid in Rwanda versorgen zu können. Auf den Wiesen linker Hand bevor man die Landebahn quert, sind für gute Beobachter noch die Einrichtungen (Versorgungsleitungen, Gebäude) für die Flüchtlinge erkennbar.

5 Minuten später rollt man auf die erste Kreuzung von Kisoro zu. Das Skyblue Hotel, Tankstelle, das Kisoro Beekeeping Projekt, der Park zwischen den beiden Richtungsfahrbahnen, die Anordnung ist der Willkommensgruß in meiner Erinnerung. Wir fahren an der rechten Seite entlang der Geschäfte in Richtung Lake Mutanda. Links tauchen die Gebäude des Town Councils auf und schon kommt die Geländestufe an deren oberen Ende sich das Büro des Nationalparks befindet. Ob sich die Berggorillas auf dem Territorum von Uganda befinden erfahren wir hier und können das Gorilla Trekking hier buchen.

Nach links biegen wir aber vorerst ein letztes Mal ab und sehen die Einfahrtstafel – Kisoro Travellers Rest. Nach 2 stündiger FAhrt von Kabale, über grober SChotterstraßen mit zahlreichen Schlaglöchern sind wir durchgerüttelt und durstig. Das Travellers Rest Hotel empfängt uns mit hellem Holz und gekalkten weißen Wänden. Die offenen Feuerstellen von früher sind in die Küche verschoben und dem rußigen Ambiente ist Helle und Freiheit gewichten. Der zentral Raum, indem wir uns eingangs die Frauen um die Feuerstelle vorgestellt haben, ist erhalten geblieben. Die Dachkonstruktion liegt offen über uns und hält in diesen Tagen auch sicher die starken Regenfälle ab.

Vor dem Kamin sind gemütliche Lounge-Sessel aufgestellt, von denen man seine müden Beine ausstrecken kann. Ausstrecken ist nach der Anfahrt nötig und müde Beine garantieren die anspruchsvollen Aufstiege von mindestens 1000 Höhenmeter auf den kleinsten und ältesten der Vulkane Mt. Sabinyo. Dieser ist schon so alt, dass seine Kaldera brüchig ist und folgerichtig sein Name „old mans teath“ bedeutet, wie mir die strahlende Barfrau erzählt.
Hier hat also auch die berühmte Primatologin Diane Fossey ihre zeitweise Bleibe gehabt. Obwohl ihre Anwesenheit genügend Unfrieden gestiftet hat, so ist heute durch die Bewahrung der Art der Bergorillas und ihres Lebensraumes doch ein Anziehungspunkt für die zahlreichen Gäste und derart auch Teil der Lebensgrundlage der heutigen Bewohner.

Die Sonne geht hinter den mächtigen Vulkanflanken unter und das offene Feuer prasselt angenehm vor unseren Augen. Der bestellte Masalatee mit Ingwer wird eben serviert und ein herrliches gekochte Ankole Rind mit Matoke (Kochbanane) und Dodo (Spinat?) sende schon seine olfaktorische Grüße aus der Küche. Wenn man die Augen schließt hört man das Gelächter der Küchenfrauschaft und man wünscht sich beinahe, jetzt wo man sicher vor dem offenen Feuer sitzt, dass dicke Regentropfen auf das Strohdach prasseln würde.

Über klausjerlich

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Eine Antwort zu Travellers Rest, Kisoro

  1. Traudll Jerlich schreibt:

    So viele Erinnerungen sind hochgestiegen und haben mir den Abend verschönt.
    Einige Ergänzungen wie z.Bsp. mein Ausflug in die Fledermaushöhle, die früher den Batwas als Rückzugsort vor den feindlichen Nachbarn diente und meine anschließende Fußwanderung vom Nationalpark zurück nach Kisoro bis mich nach zwei Stunden eine Mannschaft von CARE im Auto mitgenommen hat.
    Oder der Aufstieg auf den Mt. Sabinyo bis zum Hochmoor auf 3000 m Höhe auf dem schmalen Pfad, den die Ranger mit der Machete freigeschlagen haben.
    Oder meine Fahrradrennen mit den einheimischen Jugendlichen in der Umgebung von Kabale, die ich trotz meines Alters durch Klaus Gangrad sogar gewinnen konnte.
    Oder …

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