Im Souk von Amtiman

Die Nachmittagssonne möchte schon die ersten Baumkronen im Westen des Ortskerns berühren und der aufgewirbelte Staub der unasphaltierten Hauptstraße sieht aus wie Milchglas vor der orangen Abendsonne. Seit der Regenzeit vertrocknen die feuchten, grünen Lacken in der Straße zusehends und die verwegenen Versuche die Tümpel mit den Allradfahrzeugen zu durchpflügen werden sichtbar. Während der Regenzeit riskiert man auch mit Allradfahrzeug stecken zu bleiben, was hier im Ortszentrum für den Fahrer einigermaßen peinlich  wäre. Die letzten Abdrücke der Reifen werden wie Mahnmale im vertrockneten Boden Monate lang von der letzten Regenzeit zeugen, wenn sie nicht von größeren LKWs zerfahren werden.
Aus den Schatten der Bäume erheben sich die Männer von ihren farbigen Plastikmatten, auf denen sie die heißesten Stunden des Tages verbracht haben, schlafend – spielend oder redend, und gehen ihren Geschäften nach. Die traditionelle Alltagskleidung der Männer sind wallende helle Gewänder mit gleichfarbigen Kappen. Je nach der arabisch, berberischen Zugehörigkeit ist auch ein blütenweißer keffiyeh (Kopftuch) oft zu sehen. As-salam aleikum, wa-aleikum salam, al hamdulilah, …. in shallah.

Wenn die Sonne nur mehr knapp über dem Markt steht, wird das Treiben vom besten Abendlicht beleuchtet und der beste Platz dies zu beobachten, ist unter den Bäumen am Rande des Marktes, wo in den Teekesseln, roter, grüner und noch andersfarbiger Tee in den kleinen Gläsern angeboten wird. Ich entscheide mich heute, wie auch Mahamoud mein Begleiter und Kollege, für Hilma Tee – hell, weiß-grün leuchtend, dampfend, süß und bitter zugleich.
Als Weißer ist man in Amtiman zwar ein Augenfänger, aber grundsätzlich sind die Leute zu scheu und zu stolz sich zu sehr zu interessieren. Ähnliches spürt man auch von spielenden Kindern, nur überwiegt bei ihnen öfter die Neugier. Bleibt man aber unter anderen Männern bei einem Glas Tee sitzen, richtet sich allmählich die Aufmerksamkeit wieder auf die alltäglichen Dinge am Markt. Kommt man auch selbst zur Ruhe, dann betrachtet man vielleicht wie der Teekoch die Teegläser aus möglichst großer Höhe füllt, um den Tee aufschäumen zu lassen, oder wie gleich daneben die Haarschneider, die den Schatten eines Baum als ihr Geschäftslokal nutzen, ihrem Handwerk nachgehen.

Nach einiger Zeit bin ich als Fremdkörper in der Szene gänzlich vom Leben umspült und ich kann unbeobachtet beobachten. Mein Rundblick beginnt bei den Ständen der Frauen, die am  Boden auf ihren Matten sitzend, alles mögliche anbieten. Manche haben Eier und Mais, andere frittieren Fische und bieten diese mit scharfer Chilisauce an. Die Einkaufsäck werden an speziellen Ständen verkauft, sie sind zu wertvoll und noch kein Allgemeingut um verschenkt zu werden. Allah schütze sie davor es zu werden, aber dagegen ist Allah wohl machtlos. Die Plastiksäcke sind neben den Zigaretten, den Streichhölzern und den Kugelschreibern zu finden. Durch die Stände muss man hin und her, vor und zurück, weil keine wirklichen Einteilungen gibt. Die hauptsächlich weiblichen Händlerinnen von Lebensmitteln lassen sich dort  nieder, wo es ihnen am besten passt.
Nur die Eingänge in den Souk sind frei.

Vom offenen Marktplatz der hockenden Lebensmittelhändlerinnen kommend wird man von einer Spur von Papier, Plastik und Essensresten vorbei in die alten gemauerten Arkaden geleitet. Der Staub des offenen Marktes setzt sich in den engen Gassen ab, und die Farben der Produktwerbung und der feilgebotenen Textilien treten in den Vordergrund. Dringt man tiefer in den Souk ein, so versperren einem die ausgestellten Waren direkt den Weg. Hier muss berührt werden, obwohl die modernen billig Produkte nicht wirklich dazu einladen. Farbig ja, aber billig und großteils minderwertige Materialien.

Die Gassen können grob nach Gewerbe unterschieden werden, zuerst wechseln sich Gemischtwaren-, mit Lebensmittel-  und Kosmetikhändler ab. Neben den Getreidegeschäften wird Speiseöl verkauft und interessanterweise finden auch mehrere Barbiere hier ihre Kunden. Sinnvollerweise sind Textilien neben den Schneidern angeordnet. Eisenwarenhändler bevorzugen am gegenüberliegenden Ende des Souks die Lage an der breiten Zufahrtsstraße. Gerbereien befinden sich im hintersten Teil.

Ein handgemaltes Schild an der Hauptstraße weist auf die Spender des neuen Marktes hin, das Ministerium für Handel und mehrere NGOs. Aber eigentlich würde man sich mehr vom alten Markt mit den Gewölbegängen wünschen. Die neuen Gebäude sind billigste Ziegelbuden mit einem Vorblechdach und Eisentoren. Die noch erhaltenen alten Teile des Souks aber bestehen aus lehmverputzten Gewölbegängen, in denen sich die kleinen Lagerräume befinden. Die Türen sind niedrig und aus Holz, teilweise noch reich verziert.

Hier finden sich noch heute Schauplätze mit Männern in ihren Dish-dash Gewändern und dem keffiyeh (Kopftuch) die sich bei einem Würfelspiel unterhalten. As-salam-alaikum, wa-alaikum-salam, al-hamdulila, in shallah.

Wenn man Glück hätte, fände eine Szene hinter einem Arkadenbogen statt. Im Kegel eines Sonnenstrahls, der die winzigen Staubpartikel wie im Lichtstrahl eines Diaprojektors erst zum Tanzen bringt, würde um den Preis einer Ware gehandelt. Ich habe Glück, aber keine Kamera und nur ungenügende Mittel die Szene zu beschreiben. Wie hätte es hier vor 50 Jahren ausgesehen, am Ende der Regenzeit, wenn die großen Kamel- und Rinderherden vorbeiziehen und ihre Waren im Souk in Amtiman feilbieten?

Es ist bereits dunkel und es ist Zeit den Souk wieder zu verlassen. Zeit noch einen gesüßten Tee oder Hilma zu trinken und das atemberaubende Abendrot zu verfolgen. Der Weg zurück führt wieder über die staubige Straße, wo Männer und Frauengruppen noch immer, oder schon wieder, zusammensitzen. Al-hamdulila, in shallah.

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Über klausjerlich

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