Sonntag im Tschad …

Es ist Sonntag Vormittag in AMT. Die Aktivitäten im Projekt sind eingeschränkt auf die ärztlichen und logistischen Bereitschaftsdienste. Die meisten Mitarbeiter schlafen sich aus, einzelne gehen in die Kirche oder halten die Kommunikation mit der Heimat aufrecht. Mich hat Keith Jarretts Köln Konzert durch die Yoga Stunde begleitet. Verblüffender Weise endet die Meditation exakt nach dem letzten verklungenen Ton. Trotz oder vielleicht gerade wegen der echten Entspannung ist mir aufgefallen, wie die Improvisation sich manchmal scheinbar von einem einzigen Ton des Künstlers in einer Art beeinflussen lässt, die dem Stück eine Wendung gibt. Manchmal ist es auch nur eine Verzögerung die einen anderen akustischen Effekt bewirkt, die ihn eine andere Assoziationsbahn einschlagen lässt. Auch Sackgassen scheinen hörbar und sind Teil des Ringens um den Ausdruck, alles ist Teil des Bemühens um die perfekte Harmonie oder auch die perfekte Disharmonie – die Suche nach der perfekten Welle! Die Suche nach dem Sinn des Ganzen.

Für ÄoG unterwegs zu sein bedeutet viele Leute kennenzulernen. In den Einsatzländern gibt es eine Koordinationsstelle üblicherweise in der Hauptstadt ,durch die alle internationalen und nationalen Beschäftigten geschleust werden. Das Büro ist ein Umschlagplatz für die aktuellsten Informationen über das jeweilige Programm, die international Logistik, die Sicherheitslage generell und speziell in den Einsatzorten und auch für das gesamte Personal, deren Reise- inklusive Urlaubsbewegungen. Man kann die letzten Neuigkeiten über die bevorzugten Einsatzorte das dortige Essens- und Vergnügungsangebot erfahren. Und man erfährt auch über besonders talentierte Koordinatoren, besondere Fähigkeiten der Mitarbeiter und, wenn man genau zuhören kann und ins Vertrauen gezogen wird, über die letzten amourösen Verbindungen zumeist innerhalb des internationalen Personals. Verbindungen zwischen nationalem Personal sind selten, unerwünscht und umso interessanter, wenn sie doch wieder einmal publik werden.
Bedenkt man aus dem Aspekt der mentalen Komposition der Mitarbeiter von ÄoG heraus die Wahrscheinlichkeit, dass sich zwei gleichgesinnte Köpfe während einer Mission kennenlernen, dann ist es durchaus verwunderlich, dass relativ wenige offizielle Paare in den Projekten anzutreffen sind. Nicht das dieses Phänomen unbekannt wäre, aber es hält sich gerade bei ÄoG in Grenzen. Dem entgegen wirkt vermutlich die Herausforderung die die Arbeit bei ÄoG mit sich bringt.

Ein Projekt bei ÄoG ist jener Ort, indem sich die Bewegungen der einzelnen Mitarbeiter zusammenführen lassen müssen und ist daher auch jener Ort indem die Reibung und die Synergie zwischen den Personen offensichtlich werden. Es sind immer beide Phänomen, die ein Projekt weitertreiben wie einen Tausendfüßler mit einem zusätzlichen Beinpaar und die resultierende Bewegung ist tendenziell wurmartig, weil sich 2 Beine perfekt ergänzen aber das gegenüberliegende Paar woanders hin strebt. Die Bewegung biegt ab, das Projekt windet sich wie ein Wurm der mitunter 2 Köpfe aufweisen kann. Ein perfekter Projektkoordinator kennt alle seine Beinchen, bremst und beschleunigt wo es notwendig ist und hält so sein Projekt in der gewünschten Richtung.

Das Thema des 2ten Teils des Köln-Konzerts verlangsamt sich und das Thema der rechten Hand bleibt auf einer Terz hängen. Die Basslinie hat Schienen gefunden, die das Thema tragen. Nach 2 oder 3 Takten scheint KJ mit dem Thema unzufrieden zu werden und die rechte Hand trifft auf der Klaviatur einen Halbton tiefer ein – peng. Es scheint sich eine Tür einen Spalt geöffnet zu haben, weil dieser Halbton tiefer wird über derselben Basslinie ausprobiert. Ob diese Tür wohl mehr hinter sich verbirgt? Die Verzierungen des dahinter verborgenen Raums werden immer ausschweifender. Die Tonmalerei wird immer detaillierter bis der Künstler auch in diesem Raum nach etwas sehnt, was er in diesem Raum nicht zu finden scheint. Die Suche geht weiter oder kommt nur eine Müdigkeit dazu, die den 2ten Teil zu einem Ende bringt?

Es ist jedes Mal wieder spannend einen Wechsel von Mitarbeiter mitzuerleben. In einem Projekt wie in AMT, mit bis zu 15 internationalen Mitarbeitern die in einem gemeinsamen Bereich zusammenleben,  treten diese Bewegungen von Mitarbeitern ca. alle 3 Wochen auf. Die Auswirkungen der Wechsel sind immer gravierend und man kann immer eine subjektive Wertung über die Veränderung wahrnehmen. Über eine konstante Periode ist natürlich auch eine Veränderung möglich, die aber in diesem Fall schleichend auftritt. Erschöpfung oder schlimmer, Ausbrennen, tritt nicht plötzlich auf. Dadurch sind die Veränderungen aufgrund der Personalrochaden wesentlich präsenter in der Stimmung des Teams.
Der letzte Wechsel hat einerseits Ruhe in die Logistikabteilung gebracht, dafür eine neue Bewegungsrichtung im Projekt aufgetan.

Die Meditation während des Köln Konzerts hat im Einklang mit der Welt und KJ geendet und dem Plan, etwas über den Einfluss eines Tons auf die Musik und Veränderung zu schreiben.

Was, wenn ein Einzelner eine Gruppe von Personen, eine Gemeinde, ein Land, eine Nation so beeinflusst, dass ein ganz bestimmter Weg eingeschlagen wird? Gut oder schlecht?
Jedenfalls ändert sich der Einfluss eines Einzelnen sofort mit dem Auftreten des Nächsten und die Karten werden jedes Mal neu gemischt und verteilt. Es ist wohl im Interesse von allen, dass immer wieder kontrolliert wird, ob der eingeschlagene Weg noch jener ist, den man mittragen will, sei es durch aktive Unterstützung oder durch passives mitlaufen. Ein fataler Fehler tritt dann auf, wenn der Mitläufer blind einer Herde folgt. Aber, so klein die Anmerkung irgendeines Einzelnen auch sein mag, sie ist immer Wert sie zu machen, denn gerade sie könnte die Entscheidung für eine Veränderung herbeiführen.

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Über klausjerlich

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