Ein Tag im Sahel …

Oh nein… es ist 2Uhr 30 und der Hahn kräht. Gockel – und ich werde dir noch eine Chance geben und dich vom Baum vor unserem Tukul (Zelt aus Strohmatten) verjagen, damit du deinen Weckruf überdenkst und wenn schon, dann wem anderen ins Ohr brüllst. Kickerikie … 3 Uhr 40, damit ist das Abendessen entschieden. Um 5 Uhr geht die Sonne auf und das Vogelgezwitscher, die Hähne, die Esel und langsam aber sicher auch die Kolleginnen, sie alle sind bei ihren ersten morgentlichen Kommunikationsübungen nicht mehr zu ignorieren. Also versuche ich möglichst ohne Sand auf meinen Fingern die Kontaktlinsen einzusetzten. Alles Notwendige für die Nacht und den Morgen ist innerhalb des Moskitonetzes verstaut und so platziert, damit auch Ameisen, Käfer und (angeblich auch) Skorpione nicht die Matratze mit ihrem Unterschlupf verwechseln. Der ständig nagende Zahn der Termiten ist wie das weiße Rauschen des Urknalls, akzeptier es einfach. Der Boden meines Zelts ist mit Matten ausgelegt, aber trotzdem sammelt sich zwischen den Fasern Sand und der Arbeitsabfall der Termiten an, Sand der immer wieder auch auf meinen Kontaktlinsen landet – aua.

Luke, mein amerikanischer Kollege und Logistiker, ist dankenswerterweise schon aufgestanden und versucht mit dem harten (und meistens nassen) Brennholz Feuer zu machen. Die Kochstelle ist der Sandboden zwischen 6 Ziegeln, die um die Feuerstelle als Auflager für die Kochtöpfe dienen. Meine Sonnengrüße mache ich auf der Isomatte, die ich gscheiterweise mitgebracht habe. Die Frühaufsteher draußen sind schon um unsere auf 2 Seiten offene aber zumindest überdachte Essecke verteilt und warten auf Energie für den Tag.

Es wird ein langer Tag im Flüchtlingslager, weil es nicht geregnet hat und die 12 km Zufahrt heute passierbar sein müsste. Gestern war dies nicht der Fall und daher ist heute mit einer größeren Anzahl von Patienten zu rechnen. Es empfiehlt sich daher auch für mich als Frühstücksverweigerer bereits um 6:30 etwas zu essen, weil tagsüber ist dafür wenig Zeit und es gibt wenig Auswahl. Erdnüsse. Hier im Camp ist die Auswahl Pita Brot und doch einige verschiedene Marmeladen und Haferflocken mit Milchpulver und ebenfalls etwas Marmelade. Dazu gibt es etwas, das wie schwarzer Tee aussieht, alternativ Nescafe. (Gedankennotitz: unbedingt Earl Grey aus der Hauptstadt mitnehmen).

Um 7:30 versammeln sich alle Campbewohner zum Morgenmeeting, … nein, die Projektkoordinatorin möchte, dass sich alle Campbewohner zum Morgenmeeting versammeln. Die Agenda ist immer gleich – security update, medical update, administration, logistics und auch Wasser ergo meine Agenden. Meine täglichen Aufgaben beinhalten also einen kurzen Lagebericht in Französisch, das in arabisch übersetzt wird.  Mein Bericht ist mit meinem französischem Wortschatz begrenzt – wir geben, wir haben, wir machen, Wasser, Latrinen … möglicherweise noch ein paar Besonderheiten, wenn mir das Vokabel rechtzeitig einfällt.

Danach ist theoretisch Abfahrt des Konvois bestehend aus 3 Landcruisern, den Arbeitselefanten der Sahelzone heutzutage. Theoretisch, weil diverse Dinge, die bereits gestern Abend eingeladen hätten werden können sind noch nicht eingeladen, unter anderem auch Benzin für die Wasserpumpen – ahhja, sorry!

Der Konvoi verlässt aber irgendwann zwischen 8 und 9 Uhr dis Basis.

Sprechfunkkanal MSF-H1
Mango Basis für Zulu 10, kommen! Mango Basis hoert, kommen! Konvoi nach A…adam bestehend aus Zulu 10, 3 und 6 verlässt die Basis mit insgesamt 20 Passagieren und 3 Fahrer, darunter die besonders wertvolleren Expats Klaus, Luke … kopieren! Mango Basis verstanden, Konvoi Zulu 10, 3, 6 nach A…adam mit 20 Papas und 3 Charlies mit Klaus, Luka … verlässt die Basis. Statusmeldung alle 30 Minuten, kommen! Zulu 10 verstanden, affirmativ, terminer (verstanden und Ende)!

Sollten wir an den kommenden äußerst heiklen 5 Stellen, verteilt über die 12 km Anfahrt, steckenbeleiben, dann setzt sich die Funk – Kommunikation fort, oder es wird auch darauf vergessen je nach Ernsthaftigkeit der Situation, jedenfalls meldet sich der Konvoi wieder bei Erreichen des Checkpoints in A…adam.

Beim Checkpoint befindet sich der Eingang ins Lager, die Registrierung der Flüchtlinge, das kleine Spital, die Lageradministration und die Lagerpolizei. Die Fahrer der Landcruisers melden ihre Passagiere an. Danach werden die Passagiere befreit und die Fracht im Spitalbereich entladen.

Unser individueller fachspezifischer Arbeitstag beginnt hier. Die Logistiker bauen das erst halbfertige Spitalsgelände aus, die Mediziner, Schwestern, Hebammen verteilen sich in die Ambulanz, die Geburtenabteilung und seit kurzem auch auf die neue stationäre Abteilung. Das Wasserteam ladet aus dem Lager noch einige Dinge in Zulu 10, dann fahren wir die verbleibenden 2 km durch das Camp zu unserem Wasserwerk. Am Weg dorthin registrieren wir die Geschäftigkeit im Markt des Lagers und die Wasserbehälter, die vom Weg aus ersichtlich sind, werden auf ihren Füllungsstand registriert Von gestern sind noch einige Kubikmeter in den Reservoirs, oder unser neuer Mitarbeiter hat bereits gute Arbeit geleistet und bereits Wassert ins Camp gesendet.

Seit H. Aradi M.,  der im Camp lebt, für uns arbeitet, ist das Wasserwerk bereits am frühen Morgen besetzt und die Lieferung kann früh beginnen. Davor ist erst mit unserer Ankunft die Produktion losgegangen. Er ist aus dem Sudan und hat als Mechaniker schon in Libyen und sonst wo gearbeitet. Leider spricht er weder englisch noch französisch, aber wir verstehen uns durch die allmächtige Sprache des Körpers, der Augen und ein paar spezifischen Gesten die hier benutzt werden. Wenn dies nicht ausreicht kann mein Assistent englisch in arabisch und mein Fahrer französisch in arabisch übersetzen. Ich spreche außer ein paar Brocke arabisch keine Sprache richtig außer vielleicht Deutsch?

Das Wasserwerk  besteht aus einem Wadi, welches and der tiefsten Stelle einen kleinen See ausbildet, der nach den Erzählungen durch Menschenhand vergrößert bzw. vertieft wurde – der arabische Name ist Hafir. Aus dem Hafir wird Wasser in 2 Reservoirs gepumpt. Aus dem Einzugsgebiet wird alles mögliche (und gesundheitsbedenkliche) mitgeschwemmt, sodass die Trübheit des Wassers hoch ist. Viel mehr können wir hier auch nicht feststellen. Der erste Schritt unserer Aufbereitung ist daher das Absetzen dieser Trübstoffe auf ein verträgliches Maß. Danach folgt die Desinfektion sodass nach etwa 4 Stunden trinkbares Wasser produziert wird. Dieses Wasser ist das einzige Trinkwasser, das hier verfügbar ist. Nachdem ich mich von unserer qualitätsvollen Arbeit überzeugt habe, fülle ich meine Trinkwasserflasche direkt aus unseren Reservoirs. Kein Durchfall bislang, für Detailverliebte.

Ich bleibe mit meinem Team bis ca. drei Uhr vorort und kann, seit unser Mitarbeiter im Camp uns Ressourcen freigemacht hat, auch notwendige Wartungsaufgaben durchführen und mich zusätzlich auch um meine anderen Aufgaben kümmern. Latrinenbau im Camp und Hygiene und Abfallwirtschaft im Spital, beispielsweise.

Spätestens um vier muss unser Konvoi aber das Camp verlassen, um sicher vor der Dunkelheit in der Basis zurück zu sein. Aus den 45 Minuten ohne Probleme auf den 12 Kilometern sind schon öfter mehr als 2 Stunden geworden. Auch heute sieht das Wetter nicht gut aus und just über unserem Nachhauseweg hat sich ein Gewitterturm aufgebaut. Heute ist das medizinische Team leicht zu überzeugen, dass wir jetzt wirklich sofort und nicht in einer halben Stunde  abfahren müssen!!!

Unsere Gruppe besteigt hastig die Fahrzeuge, eine Mutter mit unterernährtem Baby und ein weiterer Patient werden auch mit unserem Konvoi überstellt.

Die Straße ist teilweise bis zu einem Meter überflutet und wir fahren manchmal mit, gegen, und quer durch strömendes Wasser. Die drei Zulus werden vom besten Fahrer angeführt und ich sitze neben ihm und wische immer wieder über  die beschlagende Windschutzscheibe. Ich hoffe und weiß auch, dass er fast jedes Loch hier kennt. Aber wenn alle Strukturen in einem stehenden See verschwinden, müsste er die Strecke dann nicht auswendig kennen?

Alle Passagiere hören gespannt auf das Funkgerät und tatsächlich an einer eher einfacheren Stelle … Zulu 10 für Zulu 6, wir stecken fest! Wir haben diesmal alle Optionen, wir können diesmal nach hinten und nach vorne ziehen, weil Zulu 6 in der Mitte war. Die großen Wagenheber und die Sandbleche werden von den Dächern geholt. Das versunkene Rad wird angehoben und auf ein Sandblech gestellt, das Stahlseil wird am vordersten Fahrzeug montiert. Wir ziehen nach vorne. Allez, allez, allez … die Fahrzeugmotoren heulen auf und mit einem großen Ruck wird das 2 Tonne Gefährt nach vorn gerissen, die Räder drehen durch und verteilen den braunen Schlamm auf die Unvorsichtigen, die zu neugierig waren oder selbstlos noch ihre Körperkraft in die Waagschale geworfen haben. Erfolgreich, weil die Räder fassen das Blech und fräsen durch den verbleiben Gatsch bis auf festen Grund. Die Freude wird hinausgejubelt. Der Konvoi bewegt sich wieder. Aber halt, es fehlt ja noch unser dritter Zulu der die Stelle noch passieren muss.

Die Passagiere sind längst schon zu Fuß bei unserem Anführerfahrzeug. Der Fahrer von Zulu 3 besteigt das Fahrzeug in seinem schwarzen, kurzärmligen Anzug und seinen Gummistiefeln, zweifelsohne elegant. Er ist vor allem bekannt für seine Furchtlosigkeit! Es geht los, die erste Passage geht durch Steine die bis zu einem halben Meter groß sind, eine Stelle die schon vorher Probleme gemacht hat und mit den Steinen ausgebessert wurde. Danach aber wartet der grundlose Brei, der Zulu 6 zum Verhängnis wurde. Das Fahrzeug nimmt Schwung auf und wird durch die Steinpassage gebeutelt, um ja keinen Schwund zu verlieren. Im Fahrgastraum des Toyotas fliegen die Transportkisten gut 40kg schwer durch die Luft und machen einen ohrenbetäubenden Lärm. Das Wasser unter den Reifen spritzt meterhoch und -weit weg. Wie ein Gummiball erreicht Zulu 3 die entscheiden Meter mit einer verbleibenden Geschwindigkeit von, … 10 km/h vielleicht? Reicht das? Die Reifen graben sich ein, aber sie drehen nicht ohne Gripp durch. Wie in Schwimmbewegungen wird der Schlamm nach hinter wegbefördert und es bleibt genug Vortrieb vorhanden um ,…, um den festen Boden zu erreichen. Geschafft!

(Das wir am selben Tag noch zweimal stecken geblieben erwähn ich hier nur der Wahrhaftigkeit halber).

Wir haben letztendlich 1,5 Stunden gebraucht, um die Basis zu erreichen.

Der Tag ist für die meisten mit der Ankunft in der Basis vorbei. Ich sollte aber noch mein tägliches Berichts-Email senden. Wieviel Wasser hat das Camp erreicht, ist die Minimalinformation, die ich aber heute auch nicht mehr imstande bin zu senden.

Was jetzt notwendig ist, ist Zucker aus dem kalten Cola, köstlichem Ziegeneintopf und Reis, als Beilage wahlweise Dosenblattspinat oder Linsen und als Nachtisch Fruchtkompott aus der Dose. Hunger ist der beste Koch. Bier ist seit einigen Tagen aus und die nächste Lieferung wird auch wieder in einem Tag verdunsten. Aber die höherprozentigen Alkoholvorräte werden besser und langfristiger aufbewahrt. Heute ist aber zweifelsohne ein Tag für ein Glas.

Es ist nichts Ernsthaftes und nichts außerhalb der lokalen Sicherheitsstandards passiert, also auch kein debriefing notwendig. Die Gespräche beim Abendessen währen nicht besonders lang, die Müdigkeit im Kopf ist stärker als der Wunsch nach Gesellschaft. Notwendig ist für mich und den bereits infizierten Luke ein Rendezvous mit der europäischen Normalität, in kleinen Videodosen von britischem Humor. James, Richard und Jeremy, die Moderatoren von TopGear, sind die virtuellen Zufluchtsorte für Leute wie Luke und mich. Gottseidank habe ich ein ausreichendes Videolager mitbekommen, wir halten beide bei Saison 13 von 20.

Über klausjerlich

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